Ein guter Geschichtenerzähler ist wie ein Barpianist - und
Barpianist, das war immer mein Traumberuf.
Der Barpianist ist die Verkörperung von Eleganz und Diskretion,
und er ist ein Experte für Seifenblasen und längst zerplatzte
Illusionen.
Sein Geklimper mag einer Art von Unterwassermalerei gleichen,
doch hier werden keine Noten gespielt, sondern Geschichten erzählt.
Jeder, der auch nur halb hinhört, unternimmt augenblicklich
einen leicht verträumten Spaziergang durch Melodien und Harmonien
wie aus alten Zeiten. Und schon ist er seinen besseren Erinnerungen
ins Netz gegangen.
Immer wieder schleichen die Finger des Barpianisten langsam über
das Piano, als müßten sie das welke Laub vergangener
Tage von den Tasten wischen. Leicht, als hätten sie das Gewicht
von Rauch, wandern die Hände über Ebenholz und Elfenbein,
bleiben hier und dort eine Weile ermattet liegen, um kurz darauf
wieder weiterzustreunen und sich im unverfänglich Vagen einer
heiteren Resignation zu verlieren.
Von seinem Tastenspielplatz aus, dieser uneinnehmbaren Festung,
überblickt der Barpianist den gesamten Raum. Als hätte
er Röntgenaugen, sieht er jedem seine Freude an, seinen Kummer
und seine Niedertracht.
Jedem könnte er auf den Kopf zusagen, dass er das Glück
an der falschen Stelle sucht, weil er genau weiß, dass alle
das Glück immer dort suchen, wo es garantiert nicht zu finden
ist.
Mit einem guten Barpianisten wird einem die Zeit nie zu lang.
Doch sobald sein Dienst zu Ende ist, stiehlt er sich in unauffällig
samtenen Halbtonschritten davon, holt den Tastendeckel ein, als
wär's ein Brotkasten, setzt ihn auf und schließt ab.
Wieder ist ein Tag vorbei und der Ewigkeit näher, an dem
er mit seinem Spiel Geschichten über These Foolish Things
erzählt, an dem er mal beschwingt, mal verhalten ein paar
Geheimnisse in seinen Improvisationen ausgeplaudert und damit
ganz nebenbei jenen Zauberteppich geknüpft hat, auf dem wir
manchmal ein wenig fliegen können.
Diese Liebeserklärung an die Barmusik entstammt der lesenswerten
Novelle "Ein alter Herr" von Gerhard Köpf, 2006
bei Klöpfer
& Meyer in Tübingen erschienen. Abdruck mit freundlicher
Genehmigung des Autors und Verlags.